Amorsaal - gegründet 1935

80 Jahre Gasthof "Amor Saal"

 

 

Dritte Generation führt Kultlokal

 

Der Gasthof ist weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt. Vor allem zu DDR-Zeiten strömten junge Leute aus allen Himmelsrichtungen in den Saal, um legendäre Bands zu erleben. Viele trafen die Pfeile des Liebesgottes.

 

Von Viola Martin
erschienen am 05.09.2015

Mülsen St Niclas. Kommenden Samstag wird es sie bestimmt wieder geben: die Völkerwanderung in den "Amorsaal". Zum 80-jährigen Bestehen des Mülsener Kultlokals werden dort mit Gipsy und den Klosterbrüdern Kultbands auftreten, die wie die alten Fans dem Saal über Jahrzehnte die Treue halten.

 

klosterbrueder 2013         gipsy-bandfoto2011

 

 

Kerstin Döhn führt den zu DDR-Zeiten selbst im Rias und bei Radio Luxemburg erwähnten "Amorsaal" in der dritten Generation. "Ich bin hier im Gasthof aufgewachsen. Für mich war klar, dass ich das Geschäft einmal übernehme", sagt die Meisterin für Hotel- und Gaststättenwesen. "Auch meine beiden Töchter Jaqueline und Dominique sowie weitere Familienangehörige arbeiten hier mit."

 

Dass Amors Pfeile in dem Haus bestens treffen, hat die Chefin selbst erlebt. Sie wurde vom Liebesgott erwischt, als sie am 26. Dezember 1998 abends wie so oft an der Bar arbeitete und einen gewissen Steffen Friedrich bediente. Obwohl Kerstin Döhn sich sicher war, dass sie gar keine Zeit für eine neue Beziehung hat, lernte sie diesen Mann nicht nur kennen, sondern auch lieben. Inzwischen ist Steffen Friedrich lange ihr Lebensgefährte und engagiertes Mitglied im Gaststättenteam.

 

karikatur

 

Die beiden sind kein Einzelfall. Als "Freie Presse" 2009 ein Fotorätsel dem "Amorsaal" widmete, wussten viele Leser die richtige Lösung und schrieben, dass sie ihren Partner im "Mor" kennen und lieben gelernt haben. "Hatten junge Leute erst einmal Tuchfühlung aufgenommen, verdrückten sie sich nicht selten in Richtung der viel gerühmten ,Meintwäng-Bank'. Es war die dritte Bank am Niclaser Kirchberg. An der ersten waren die Mädchen schüchtern, an der zweiten zierten sie sich noch. An der dritten hieß es dann: Meintwäng", erklärt Klaus Richter aus Niclas den ungewöhnlichen Namen der Bank.

 

presse amorsaal 2009

 

Genauso legendär wie diese ist das "Mor"-Schnitzel, das seit Jahrzehnten der Renner auf der Speisekarte ist. "Das Rezept bleibt ein Familiengeheimnis, wird bei uns von Generation zu Generation weitergegeben", sagt Kerstin Döhn. Am liebsten essen die Gäste das große Schnitzel mit Kartoffelsalat à la "Amorsaal". Früher habe man vor Tanzveranstaltungen zwei Kinderbadewannen voll von dem Salat zubereitet. "Und alles ist an einem Abend aufgegessen worden", erinnert sich die Chefin. "Heute machen wir vor großen Veranstaltungen auch noch jede Menge Salat. Allerdings nicht mehr in Kinderbadewannen."

 

Nur in dieser Niclaser Gaststätte gibt es auch das berühmte rote Sauerkraut zu den Schlachtfesten im Herbst. Das macht Klaus Döhn, der Bruder der Chefin, immer extra für die Freunde deftiger Küche. Wer es lieber süß mag, geht in die Eisdiele, die zur Gaststätte gehört. Dort tut noch eine 40 Jahre alte Softeismaschine aus tiefsten DDR-Zeiten zuverlässig ihren Dienst. Allerdings gibt es inzwischen auch noch drei andere. "Gerade im Sommer wollen viele das Eis nicht nur in der Tüte auf die Hand, sondern lassen ganze Behälter damit füllen und versorgen zu Hause die Familie und Gäste", erzählt Steffen Friedrich.

 

Im Niclaser "Amorsaal" freut man sich schon auf die Party zum 80-jährigen Bestehen am kommenden Samstag, auch wenn die Familie im Sommer zwei schwere Verluste zu verkraften hatte. Erst starb im Alter von 75 Jahren Dieter Irmisch, der Onkel der heutigen Chefin. Und kurz darauf - 93-jährig - Erich Döhn. Der Vater der heutigen Inhaberin hatte die Gastwirtschaft nach dem Tod seiner Frau Anneliese bis ins hohe Alter geführt.

"Es ist schon traurig, dass die beiden unser großes Jubiläum nicht mehr miterleben können", sagt Kerstin Döhn. "Aber wir sind uns alle sicher, dass sie genau so ein Fest gewollt hätten."

 

     fredy1           fredy

  

"Wir gehören zum Inventar"

 

Fredy Lieberwirth (64) ist Gründer von Gipsy. Die Band spielt zum Jubiläum. Viola Martin hat ihn gefragt, was ihn mit dem "Amorsaal" verbindet.

 

Freie Presse: Wann sind Sie zum ersten Mal im "Mor" gewesen?

 

Fredy Lieberwirth: Das war 1967. Ich war Schüler der 10. Klasse und bin im November mit dem Motorrad in das Kultlokal gefahren, um Herbert Dreilich, der später mit Karat bekannt wurde, zu erleben.

 

Und wann sind Sie das erste Mal selbst dort aufgetreten?

 

Sechs Jahre später mit der damaligen Gruppe Satori. Als diese in der DDR auf die Liste der unerwünschten Kapellen kam, habe ich die Gruppe Gipsy gegründet. Und mit der war ich seither jedes Jahr im "Mor".

 

Sonst spielt Gipsy ja immer am ersten Weihnachtsfeiertag in Niclas. Warum jetzt zum Jubiläum?

 

Das ist Ehrensache. Wir gehören ja praktisch zum Inventar. Wir haben bereits zum 60-jährigen und zum 70-jährigen Bestehen gespielt, da zusammen mit Renft.

 

Diesmal sind Sie mit den Klosterbrüdern zu Gast. Warum gerade mit diesen Musikern?

Das ist eine progressive Band, die sich auch zu DDR-Zeiten nicht verbiegen ließ, auch wenn Mitglieder dafür im Gefängnis gelandet sind. Und: Die Klosterbrüder sind genau wie wir schon oft im Mülsener "Amorsaal" aufgetreten.

 

 

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 70 Jahre Amorsaal

Liebe Gäste, liebe Freunde,

70 Jahre Tanz- und Speisegaststätte "AMORSAAL" im Ortsteil St. Niclas der Gemeinde Mülsen, dieses wunderbare Jubiläum feiern wir in diesen Tagen.

  • 70jahre
  • 60jahre

Mich erfüllt dabei eine tiefe Dankbarkeit, dass ich Ihnen zum Wohle des Vermächtnis meiner Eltern Fanny und Max Irmisch, die den Amorsaal im Oktober 1935 übernahmen, in all den Jahren erhalten konnte. Unabhängig von politischen Wandlungen, Engpässen, Versorgungslücken und auch Anfeindungen stehen wir als bekannte und ich denke auch beliebte gastronomische Einrichtung für gute Küche, gepflegte Getränke, Freude und Entspannung im Mülsengrund und Umgebung.
Was bin ich froh, dass ich noch immer unser berühmtes Schnitzel, die Beef's, den Rehbraten und vieles andere auf den Tisch bringen kann. Wie freue ich mich, wenn in unserem Saal Veranstaltungen aller Art stattfinden vom Tanz über den Fasching zu Rentnerfeiern, aber auch festlichen Anlässen.
Dieser Jubel und Trubel auch in unseren anderen Räumlichkeiten haben mein Herz jung erhalten.
Allen, die uns in den vielen Jahren besucht und die Treue gehalten haben, sage ich ein herzliches Dankeschön. Sie haben dieses Jubiläum möglich gemacht.
Wenn ich an dieser Stelle und aus tiefer Seele meinem Mann, meinen Kindern und Enkeln, meinem Bruder und seiner Familie, aber auch allen anderen Helfern ein riesiges Kompliment für ihre Leistungen ausspreche, dann mögen das alle auch als Zusage auffassen, dass unser Team Ihnen weiter in gewohnter Weise dienen wird.
Das ich dieses Versprechen noch viele Jahre selbst einlösen kann, darauf hofft,
mit Gottes Segen – Ihre Anneliese Döhn.